„Diese fremde Welt ist Realität, da dürfen wir nicht wegsehen.“
Leseförderung für Kinder aus lesefernen Familien
Wie kann Leseförderung Kinder erreichen, die zu Hause ohne Bücher aufwachsen? Welche Haltung hilft, passgenaue Maßnahmen zu entwickeln – und wie lässt sich das Vertrauen der Eltern gewinnen, ohne Scham oder Vorwürfe zu erzeugen? Darüber sprechen wir mit Heidemarie Brosche, pensionierte Mittelschullehrerin, Autorin und engagierte Leseförderin. Aus jahrzehntelanger Erfahrung weiß sie, wie wichtig es ist, Kindern aus lesefernen Familien Wege zum Lesen zu eröffnen – mit Empathie, Wertschätzung und praktischen Ansätzen, die wirklich greifen.
Liebe Frau Brosche, was bedeutet es ganz konkret für Kinder, in einem lesefernen Elternhaus aufzuwachsen?
Zunächst einmal ist es mir wichtig zu betonen, dass ich „lesefern“ nicht abwertend oder diskriminierend verstanden wissen möchte. Das Wort dient hier einfach als Bezeichnung für Elternhäuser, in denen Lesen keinen hohen Stellenwert genießt. Ganz konkret bedeutet dies, dass Eltern, die selbst oft bildungs- und lesefern aufgewachsen sind, nicht gerne und/oder nicht besonders gut lesen. Möglicherweise sind sie sogar primäre oder funktionale Analphabeten, sprich: sie können überhaupt nicht oder nur sehrschlecht lesen und schreiben. Wenn die Eltern selbst nicht lesen, gibt es natürlich auch keinen Lesestoff in Form von Zeitschriften, Zeitungen oder Büchern. Das bedeutet wiederum, dass die Eltern nicht als Lesevorbilder erlebt werden.
Kinder, die so aufwachsen, bekommen von klein auf keine Knister-, Greif- oder Pappbilderbücher und später keine Bilderbücher. Man geht nicht selbstverständlich mit ihnen in die Bibliothek, um Bücher auszuleihen. Natürlich wird auch nicht vorgelesen. Wer möchte sich vor den eigenen Kindern schon mit Büchern abplagen und als Schlechtleser:in outen?!
Ich stelle immer wieder fest, dass all das für viele Menschen eine fremde, kaum vorstellbare Welt ist, auf die sie mit Kopfschütteln und Distanz blicken. Eines aber ist sicher: Diese fremde Welt ist Realität. Da dürfen wir nicht wegsehen, wenn wir die Kinder aus dieser Welt wirklich fördern wollen.
Wie wirkt sich das Aufwachsen in einer lesefernen Umgebung auf die Lesekompetenz der Kinder aus?
Kindern aus lesefernen Familien fehlt von Beginn an die Möglichkeit, eine positive Einstellung gegenüber dem Lesen zu entwickeln. Sie lernen nicht,
- dass man sich auf eine vorgelesene Geschichte konzentrieren muss,
- dass es sich lohnt, zuzuhören,
- dass man es schaffen kann, sich von anderen Reizen nicht ablenken zu lassen,
- dass beim Vorlesen eine wunderbare Bindungssituation entsteht und
- dass ihnen beim Vorlesen eine Geschichte „geschenkt“ wird und Lesen/Vorlesen etwas Schönes ist.
Hinzu kommt, dass lesefern aufwachsende Kinder oft einen kleineren Wortschatz, weniger Sprachkompetenz und ein geringeres Weltwissen haben als Kinder, die mit Büchern groß werden. Dies bewirkt, dass die Sprache in Bilder- und Kinderbüchern für sie oft zu anspruchsvoll ist.
Um hier wirksam gegensteuern zu können, braucht es das Bewusstsein, dass gerade diese Kinder bereits in der Kita gezielt gefördert werden müssen – und entsprechendes Personal. Geschieht das nicht, sind die Startbedingungen zu Schulbeginn extrem ungleich. Ohne Vorleseerlebnisse, Rollenvorbilder und eine positive Erwartungshaltung treten diese Kinder dem Lesenlernen meist mit wenig Vorfreude entgegen und erleben den Leselernprozess schnell als anstrengend. Das Gefühl, dass sich all diese Mühen lohnen, fehlt. Wie vielschichtig und herausfordernd der Prozess des Lesens ist – vom Erkennen der Buchstaben über das Zuordnen und Zusammenschleifen der Laute und Bilden von Wörtern bis hin zum sinnerfassenden Lesen ganzer Sätze und Texte – sollte man sich immer wieder bewusst machen. Mühevoll ist auch, das Lesen als Hausaufgabe zu üben. Man kann sich die Stimmung gut vorstellen, die aufkommt, wenn das Kind mit dem Auftrag „Lesen üben“ vor den Eltern steht. Wie sollen Eltern das stemmen, die selbst dem Lesen aus dem Weg gehen oder es schlecht bis gar nicht beherrschen? Die Stimmung verschärft sich, wenn die Schule den Eltern mit einer Vorwurfshaltung begegnet und Lehrkräfte ungeduldig oder empört reagieren, weil die Eltern nicht das tun, was von ihnen erwartet wird. So stehen die Weichen ungünstig für Kinder aus lesefernen Elternhäusern. Zuerst die Anstrengung, Buchstaben und Texte zu entziffern, dann die Verständnisprobleme rund um Wortschatz, Sprachkompetenz und Weltwissen.
Was macht es für diese Kinder so schwierig, ein positives Leseselbstbild zu entwickeln – und warum ist das wichtig? Wie können pädagogische Fachkräfte sie dabei gezielt unterstützen?
Während diese Kinder sich abquälen, erleben sie zugleich, wie ein mehr oder weniger großer Teil ihrer Mitschüler:innen an ihnen vorbeizieht und Erfolgserlebnisse einfährt. Das wirkt sich ziemlich bescheiden auf ihr Selbstbild aus. Oft wird hier eine negative Entwicklung in Gang gesetzt. „Ich bin nicht gut im Lesen.“ „Ich lese nicht gern.“ „Ich bin einfach keine Leserin/kein Leser“. „Lesen finde ich doof.“ „Ich lese freiwillig gar nichts mehr.“Damit das Lese-Selbstkonzept dieser Kinder nicht völlig einbricht, ist es extrem wichtig, dass die Schule positive Leseerlebnisse für sie schafft. Und das klappt nur, wenn pädagogische Fachkräfte
- sich dessen bewusst sind, wie viel schwerer das Lesenlernen für lesefern aufwachsende Kinder ist,
- Kindern und Eltern nicht abwertend oder vorwurfsvoll, sondern wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen und versuchen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen,
- auch kleinste Fortschritte würdigen,
- wenn irgend möglich, zusätzliche Förderkräfte in ihre Klassen holen, die ebenfalls auf Beziehung setzen und die Kinder möglichst früh im Leselernprozess unterstützen,
- Verfahren anwenden, die auch leseschwachen und lesefernen Kindern zugutekommen, z. B. Lautleseverfahren wie chorisches Lesen, Tandemlesen oder hörtextbegleitetes Lesen,
- feste Lesezeiten nach dem Vorbild des Lesebands einführen,
- beim stillen Lesen für passenden Lesestoff sorgen, das heißt, Erstlesebücher auswählen, die wirklich leicht zu lesen sind,
- Lesefortschritte sichtbar machen, z. B. durch regelmäßiges Messen der Lesegeschwindigkeit in Form von WpM (Wörter pro Minute) und gemeinsames Feiern von Verbesserungen,
- Kinder und Eltern niemals in Zusammenhang mit dem Lesen in Schamsituationen bringen,
- sich mit ganzer Kraft bemühen, dem Lesenlernen das Quälende zu nehmen und dabei Zuversicht, vielleicht sogar Humor ausstrahlen.
Was sind nach Ihrer Erfahrung die großen Herausforderungen, wenn es darum geht, Kinder aus lesefernen Elternhäusern fürs Lesen zu gewinnen? Welche Schwierigkeiten gilt es zu überwinden?
Kinder aus lesefernen Familien müssen oft erst erfahren, was am Vorlesen und Lesen überhaupt schön und bereichernd sein kann. Diese Erfahrung fehlt ihnen meist von klein auf. Gleichzeitig brauchen sie eine enorme Portion Durchhaltevermögen, weil sie beim Lesenlernen häufig Rückschläge erleben und zu Hause kaum Unterstützung oder Vorbilder finden, die ihnen zeigen, dass sich die Anstrengung lohnt. Erschwerend kommt hinzu, dass sie in der Schule und ihrem Umfeld immer wieder auf Unverständnis oder Vorwürfe stoßen. Sätze wie „Warum hast du nicht besser geübt?“ oder „Ich verstehe nicht, dass deine Eltern nicht mit dir lesen!“ sind keine Seltenheit und verstärken das negative Gefühl dem Lesen gegenüber. Ganz entscheidend ist außerdem, dass diese Kinder Zugang zu geeignetem Lesestoff bekommen – Bücher und Texte, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen, in Sprache, Schrift und Gestaltung ansprechend sind und Themen aufgreifen, die sie wirklich interessieren. Nur so kann Lesen Schritt für Schritt zu etwas Positivem werden.
Welche Lesestoffe haben sich Ihrer Erfahrung nach besonders bewährt? Worauf sollte man bei der Auswahl achten?
Die Auswahl geeigneten Lesestoffs ist extrem wichtig. Viele denken ja, wo „Erstleser“ draufsteht, ist auch etwas für alle Erstleser:innen drin. Das stimmt aber nicht. Leider beinhalten viele gängige Erstlesebücher eben doch Hürden, die vielen Kindern Probleme bereiten. Hier kommt der BRELIX (Bremer Erstlese-Index) ins Spiel, den die Lesedidaktiker Hans Brügelmann und Erika Brinkmann entwickelt haben. Sie stellten fest, dass viele Kinder „zu selten erleben, dass sich das mühsame Erlesen lohnt. Sie scheitern an unbekannten oder mehrsilbigen Wörtern, an Konsonantenhäufungen, mehrgliedrigen Graphemen, seltenen Buchstaben oder an zu langen Sätzen und können deshalb dem Gelesenen auch keinen Sinn zuordnen.“
Für leseferne Kinder ist es ein großes Erfolgserlebnis, Texte zu lesen, die sie nicht immer wieder aus dem Lesefluss bringen. Aus dieser Idee heraus ist die Comic-Reihe „Lesen mit Ella & Tim“ entstanden, die ich gemeinsam mit dem Verlag Edition Helden entwickelt habe. In den drei Bänden, die es bisher gibt – der dritte Band wird gerade illustriert – haben wir uns eng am BRELIX orientiert. Die Comic-Form ermöglicht, spannende Geschichten mit sehr reduziertem Textvolumen zu erzählen. Aber Achtung: Comics sind nicht automatisch leseleicht. Im Gegenteil: Viele Comics überfordern Kinder, die noch mit dem Lesenlernen kämpfen, durch ihre vielen Reize.
Generell empfiehlt sich bei der Buchauswahl ein Blick auf die BRELIX-Kriterien: Buchumfang und Textmenge nicht zu groß, Schriftart und Schriftgröße leicht lesbar, möglichst bekannte und nicht zu lange Wörter, Wortwiederholungen, möglichst wenig seltene Buchstaben und Konsonantenhäufungen, kurze und einfache Sätze und schließlich Illustrationen, die das Textverständnis unterstützen. Zwar steht das Literarisch-Ästhetische dabei zunächst etwas zurück, aber anfangs geht es vor allem darum, den Kindern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen und sie zum wiederholten Lesen zu motivieren – wodurch sie quasi freiwillig üben.
Natürlich sind auch Texte und Bücher, die an die Fernseh- und Gaming-Vorlieben der Kinder andocken, höchst motivierend. Aber auch hier muss die Leseschwierigkeit passen, sonst ist der Frust groß und die Motivation geht trotz des motivierenden Themas in den Keller.
Welche praktischen Tipps zur Leseförderung bildungsferner Kinder würden Sie pädagogischen Fachkräften mit auf den Weg geben? Was hat sich Ihrer Erfahrung nach besonders bewährt?
Tipp 1: Tun Sie alles, was in Ihrer Macht steht, damit der Leselernprozess nicht zur Qual wird! Gute Laune und Humor müssen dazugehören. Eine gute Beziehung kann Wunder wirken, weil sich das Kind dann vielleicht nicht aufs Lesen, aber immerhin auf Sie freut.
Tipp 2: Lösen Sie sich vom defizitorientierten Blick. Halten Sie die Augen lieber nach noch so kleinen Fortschritten offen und erfreuen Sie sich – gemeinsam mit dem jeweiligen Kind – daran.
Tipp 3: Seien Sie bereit für einen Perspektivwechsel! Stellen Sie sich vor, wie es sich für ein lesefern aufwachsendes Kind und seine Eltern anfühlt, all den Erwartungen gegenüberzustehen, die sie oft nicht erfüllen können.
Tipp 4: Bedenken Sie bei allem, was Sie in lesefördernder Absicht unternehmen, wie es sich auf das Lese-Selbstkonzept leseferner und schwächerer Leser:innen auswirkt.
Wenn Sie auf Ihre bisherige Arbeit im Bereich der Leseförderung zurückblicken: Was hat Sie besonders überrascht – und was stimmt Sie hoffnungsvoll, beispielsweise in Bezug auf mehr Bildungsgerechtigkeit in der Zukunft?
Was mich tatsächlich überrascht hat: Seit so vielen Jahren zeigen Studien, dass 20 bis 25 Prozent der Kinder am Ende der vierten Klasse nicht ausreichend lesen können. Und ebenso lange folgen darauf Klagen, Reden, Artikel, Sendungen und sogar zwei Nationale Lese-Summits. Es gab auch Kirsten Boies wunderbare Hamburger Erklärung „Jedes Kind muss lesen lernen“, eine Petition, die mit 120 000 Unterschriften ans Bildungsministerium überreicht wurde. Aber ich kann nicht fassen, dass alles so langsam geht. Klar, der Personalmangel in Kitas und Schulen hat zugenommen, das macht es noch schwieriger. Aber man kann das doch nicht einfach hinnehmen! Oder darauf hoffen, dass durch Lesefeste, Vorlesetage und Vorlesewettbewerbe die schwächsten Leser:innen plötzlich lesen lernen.
Trotzdem möchte gerade ich kein defizitorientiertes Schlusswort sprechen. Es gibt es auch Lichtblicke. Hoffnungsvoll stimmen mich die Sprachstandserhebungen aller Kinder anderthalb Jahre vor der Einschulung, die es meines Wissens nun in allen Bundesländern gibt. Es kommt natürlich darauf an, welche Art der Förderung den Tests folgt. Auch das Startchancen-Programm, das Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler unterstützt, macht mir Hoffnung. Ebenso ermutigend ist, dass feste Lesezeiten – nach dem Vorbild des Hamburger Lesebandes – inzwischen in zahlreichen Bundesländern zum Einsatz kommen. Und gern denke ich auch an ein Leseförderungsprojekt, an dem ich beteiligt war: Im Rahmen ihrer Ausbildung förderten angehende Erzieher:innen neun Wochen lang zwölf leseschwache Grundschulkinder individuell in ihrer Leseflüssigkeit, dreimal pro Woche, meist online, ab und zu in Präsenz. Die Kinder freuten sich auf die nachmittäglichen Treffen mit den jungen Erwachsenen. Die Eins-zu-eins-Beziehung tat ihnen sichtlich gut. Aber nicht nur das: Alle Kinder verbesserten ihre Lesegeschwindigkeit messbar. Die – fast ausschließlich lesefernen – Eltern bedankten sich am Ende leidenschaftlich für das Projekt, das ihren Kindern so sehr geholfen hatte. Übrigens auch noch ein Beispiel dafür, dass „diese Eltern“ durchaus zu erreichen sind.
Zur Person:
Heidemarie Brosche war bis zu ihrer Pensionierung Haupt- bzw. Mittelschullehrerin, zuletzt 17 Jahre an einer Brennpunktschule. 1991 erhielt sie einen Lehrauftrag an der Universität München zum Thema „Kinder- und Jugendliteratur im Deutschunterricht der Hauptschule“. Seit gut 30 Jahren schreibt sie Kinder-, Jugend- und Sachbücher. Für ihr Engagement in den Bereichen Leseförderung und Bildungsgerechtigkeit wurde sie 2020 mit dem „Volkacher Taler“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Mit Vorträgen und eigenen Texten setzt sie sich weiterhin für die Leseförderung – vor allem von lesefern aufwachsenden Kindern und Jugendlichen – ein.
http://www.h-brosche.de/about.html
https://edition-helden.de/heidemarie-brosche/
Literatur
Brosche H. & Emir, E (2021). Bildungsfern? Bildungs-anders!, Magazin Schule. www.magazin-schule.de/magazin/bildungsfern-bildungs-anders
Brügelmannn, H. & Brinkmann, E. (2021). Wie kann man erfassen, was Texte für echte Leseanfänger*innen leicht oder schwierig macht? Zur Begründung des „Bremer Erstlese-Index“ (BRELIX). https://t1p.de/brelix

